Texte der „Urbanen Überraschungen“

In den Straßen, Gassen, Winkeln
und all dem Treiben in dieser Stadt
liegt so viel, in sich verborgen
durch des Alltags grauer Star

Laßt mich Häuser, Wände, Türen
und alles Alte runterreißen
Dann will ich schaffen neue Welten
voller Schönheit und neuer Pracht

Das ist Heimat, Schutz, auch Ruhe
mein ganzes Leben hat hier Platz
Eben darum will ich streben
meine Stadt zu sehen mit neuer Kraft

Wahlheimat

Unsere kleine Arbeiterstadt
Dies und jenseits des Kanals
Hat für jeden Arbeit satt
Nur hörig des Schicht‘ Signals

In unser kleinen Metropole
Im Herzen der schönen Republik
Ist jeder willkommen, Italiener oder Pole
So lang am Ende die Rendite siegt

Wir bewegen uns hier alle frei
Zwischen Band und Wohnungstür
Und der Schichten haben wir gleich drei
Und kein Arbeiter weiß überhaupt wofür

Die Karosse ohne Innenleben
Fährt das moderne Band zu dir
Und jetzt der gleiche Griff wie eben
Ach, nirgends ist so schön wie hier!

Und weil man ihn ja kennt
Den netten Aufsichtsrat
Und man sich fast bei Namen nennt
Ist er auch in der Politik parat

Dort beschließt er Straßen und Bauten
Voll Prestige im Luxuswahn
Ehemals schöne Ecken, die vertrauten
Erreicht man sicher nicht mehr mit der Bahn

Stattdessen geht man nicht ins Theater
Nicht ins Museum oder Schloss
Mann verkriecht sich, ohne aber
Denn wo Prestige ist, speist der Boss

Zwei

Autos schimpfen, Menschen hupen
Hunde stöhnen, Katzen kläffen
Fische sterben, Maden äsen
Unter Blech und heißen Fräsen
Metall in Lungen, Duft aus Poren
in der Stadt wo ich geboren

Türme reißen tiefe Wunden
in den Himmel, alle Stunden.
Gesichter ohne menschlich Schein.
Und doch: Sie wollen Menschen sein
Getrennte Stadt mit Doppelufern
Voll von ehrfürchtig Besuchern.

Vom Berg rollt Stille wie Lawinen
bricht sich im Stahl vom großen Haus
Unserm Herrscher solln wir dienen
Hier herrscht nur der Eisengott

Drei mal am Tag heuln die Sirenen
Von der Küste hin aufs Meer der Stadt
Des Gottes Sklaven folgen freudig
Folgen ihnen zum Schafott

no II

Diese Stadt kenn ich zu gut
und verlier oft allen Mut
wünsch mir fort von hier zu gehen
kann schon nichts mehr andres sehen

Dieser Sehnsucht nach der Ferne
folgt man sicher allzu gerne
Doch am neuen Orte dann
ist man auch nicht besser dran

Innen, statt

Heut‘ nur wieder grün und grau vor meinem Aug‘
Ach, nur Augenhöhlen, leer, in die ich blick‘
Scheuklappen, zugedeckt. Woran ich noch glaub‘ ?
Ich geh‘ mit jedem Schritt auch ein‘ zurück.

Grau um Grau, eingefasst nur in stilles Glas
Leere Leben auszustellen, ach welch Anblick!
Vor uns’ren Augen gläsernd Himmelszelt zerbrach
Wünscht ich dem Herzen Flügel und mehr Geschick

Grün um Grün, gepflanzt hier nur das stumpfe Gras
Leere Herzen einzufangen, wie trostlos!
Innehalten, atmen ohne Unterlass,
Scheugeklappter Augenhöhlen, furchtlos?

Manchmal hab‘ ich Menschenströme ach so satt
Wünsch‘ mir nur Kraft und Freiraum, und mit Bedacht
Flieg‘ ich mit stummen Flügeln über Straß‘ und Stadt
Innehalten, im Moment der Mitternacht

Impression I

weißes grau verdunkelt die hässlichkeit der stadt
und legt zerfetzten schleier auf raumleere gebäudeeinheiten
platte an platte
reiht sich im schrank und musik spielt
im radio das ewig alte lied des sommers

was vöglein einst sangen
verschlingt das dröhnen der schiffe
die untergehen
im globalen binnenverkehrsprozess
des ewigen wirtschaftlichen wandels

herbstliche farben werden kalt durch die sonne
die nicht scheint
blätter am boden
beschrieben mit inhalten verwehen
am straßenrand und verlorenes kind wird nicht gefunden

tötende hitze aus der mikrowelle
und wellen schlagen an das ufer
der elbe
ewiges plätschern des regens am fenster
und das ferne ist so nah

Phallus aus Licht

siehst du sie noch,
die hellen punkte am ewigen firmament?
siehst du sie noch?
siehst du sie noch,
die große weiße scheibe in der nacht?
siehst du sie noch?

aus der menschen tugend nicht schlafen zu wollen,
da schlafen zeitverlust sei
– denn da gelte „zeit = geld“,
schlaf somit geldverlust sei
– windet sich die neonschlange.

gierige augen zerstechen das schwarz
ihr fordschnittiger leib zerbricht das universum
ihre zunge umhüllt den baum
ihre zähne beißen sich in des betrachters augen

den mond frisst sie auf.
die sterne verschlingt sie.
auf dass da ewig tag
sei des geldes wegen
auf dass da ewig tag
sei um zu schaden getier und mensch

ein dunkles kämmerlein mit sternenzelt
getauscht gegen die brandung des ewigen gleißens

oh menschenheit!
wer nur das licht kennt,
der fürchtet das dunkel erst recht!

Gerüstete Menschen

Ich gehe durch die Allee der kalten Lichter.
Die Zitadellen und Kathedralen des Konsums
blicken verachtend auf mich herab. Kein Leben.
Keine Emotion und keine Menschen.
Und trotzdem fühle ich mich
in dieser abstrakten Einsamkeit
sicherer als in Menschenmasse.
Mensch in der Masse wo bist du
ich sehe dich,
fühle aber nur Leere.
Mensch wo bist du.
Traust deiner eigenen Spezies nicht,
bist Träger einer Rüstung so wie ich einer bin.
Wir sehnen uns nach Leben
und glauben es zu tun,
sind aber nicht in der Lage offen zu lieben oder zu hassen.
In diesem Augenblick der dunklen Nacht wird offenbart;
es ist nicht die Stadt.
Es sind wir.
Ich liebe dich ist ein Tabu,
ich liebe dich ist ein Tabu,
ich liebe dich ist ein Tabu
Die äussere Rüstung ist Mode der Zeit
ihr Träger ein Gefangener der eigenen Last.

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